Seit hundertfünfzig Jahren unterliegt das Stadtbild von Berlin einem ständigen Wechsel von Werden und Vergehen. Verantwortlich dafür: Der Umbau zur Weltstadt, beginnend in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, später die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau in den beiden Stadthälften, schließlich die Umgestaltungen im neuen, vereinten Berlin. In allen diesen Phasen herrschte überdies eine wahre Abrisswut, die nicht zu rechtfertigen war und ist.                Was ich in meinen Büchern zur Geschichte Berlins behandle, gehörte einst ganz selbstverständlich zum Leben in der Stadt - und ist heute weitgehend vergessen. Ich wähle dabei Themen aus, die bisher noch nicht umfassend erforscht wurden. Das gilt sowohl für die Berliner Akzisemauer (die historisch vorletzte Mauer der Stadt), die Königliche Bahnhofs-Verbindungsbahn als auch für das Berliner Studentenviertel, für die Wanderung, d.h. Umsetzung von Berliner Bauten von einem Ort zum anderen und - als bisher letzte Veröffentlichung - für das geheimnisvolle Alsenviertel am Bundeskanzleramt. Keines dieser Bücher hat einen Vorgänger. In anderen Publikationen finden sich günstigstenfalls Kapitel oder Abschnitte zu einzelnen Aspekten der obigen Themen. Meine Bücher nehmen daher für sich in Anspruch, Inhalte mit Mehrwert zu bieten.

 

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Helmut Zschocke, Geheimnisvolles Alsenviertel am Bundeskanzleramt, Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 2017, 233 Seiten, 175 Bilder. ISBN 978-3-631-67499-4

 

Ohne die zahlreichen Berlinbesucher, die ihn täglich bevölkern, wäre der größte zugleich der langweiligste Platz der Hauptstadt. Die Rede ist von der unbebauten und weitgehend baumlosen Fläche zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt, zwischen Sowjetischem Ehrenmal und Spreebogen.

  Der Strom der Touristen verteilt sich indes sehr ungleichmäßig. Er konzentriert sich vor dem Reichstagsgebäude, das besichtigt werden kann. Viele Besucher interessieren sich auch für das schräg gegenüberliegende Bundeskanzleramt mit seiner umstrittenen, jedenfalls interessanten Architektur.

  Wenig Beachtung findet hingegen das Gebäude daneben, die Schweizerische Botschaft. Aber gerade dieses Haus birgt ein Geheimnis! Es ist der letzte steinerne Zeuge eines noblen Berliner Quartiers, genannt Alsenviertel, das sich hier im Spreebogen erstreckte. Dem Botschaftsgebäude und dem Rasen dahinter kann man das Auf und Ab nicht ansehen, das dieses Areal in  der Geschichte durchlebt hat - von tödlicher Starre bis zu höchster Belebung, und das in mehrfacher Abfolge!

  Viele prominente Persönlichkeiten haben hier gewohnt und gewirkt: Minister, Generäle, hohe Beamte, ausländische Botschafter, Großgrundbesitzer, Unternehmer, Bankiers, Ärzte und Künstler. Hier befanden sich außerdem der kaiserliche Generalstab und Hitlers Innenministerium. Die Namen der Bewohner finden sich im Berliner Adressbuch. Aber erst viele weitere Quellen erhellen die bemerkenswerten, teilweise unbekannten wechselhaften Schicksale so mancher Prominenter:

Der Generalstabschef mit seinem Leitsatz „Genie ist Arbeit", die amerikanische Lady, die hier im Bund mit dem Domprediger versucht, den künftigen Kaiser für ihre politischen Ziele zu gewinnen, der Sohn des Reichskanzlers, der im Alsenviertel sein Lebensglück findet … und später darauf verzichten muss, der Botschafter einer Großmacht, der nicht mit dem neumodischen Telefon umgehen kann, der NSDAP-Parteigenosse und Besitzer einer Baumschule, der im Konzentrationslager endet, der NS-Reichsinnenminister, der als oberster  Schreibtischtäter durch seine „legalen“ Maßnahmen Voraussetzungen dafür schafft, „artfremde“ und „ungesunde“ Elemente im deutschen Volk zu liquidieren, der Generalbauinspektor des „Führers“, der dem Alsenviertel im Zuge seines Plans einer Hauptstadt „Germania“ bereits im Frieden den Todesstoß versetzt,  der sowjetische Bataillonskommandeur, der sich hier von gefangenen Volksturmmännern bestätigen lässt, dass das graue Gebäude da drüben der Reichstag ist und es in Berlin nur diesen einen Reichstag gibt. Weitere vielfältige Schicksale und Ereignisse ...

  Zu Unrecht ist das vom Spreebogen umschlossene Berliner Alsenviertel vergessen. Das Todgesagte lebt indes unter den Füßen der im Spreebogen-Park zum Hauptbahnhof Eilenden weiter.

   "Sehr geehrter Herr Zschocke, Ihr neuestes Werk ist wieder ein großes Vergnügen! Was Sie immer so an Erkenntnissen, Bezügen, Anekdoten und Beobachtungen herausholen aus Ihren Stoffen, das ist einfach zu schön. Man möchte am liebsten in einem Stadtplan versinken und sich das alles nochmal ausmalen oder gleich die Strecken abwandern und jede Ecke bestaunen (wo, im Falle des Alsenviertels, aber wirklich nicht mehr viel zu sehen ist…). Am besten gelungen finde ich die Geschichten über die Bewohner und ihre kleinen und großen Affären. Schon komisch, wie ein so jungfräulicher Boden in der Mitte unserer Stadt (wenn man ihn mit Köln oder Rom vergleicht), so viel an verdichteter Geschichte hergibt. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse von Berlin, warum diese so junge und oft zerschundene Stadt so viele fasziniert. Vielen Dank also für diese Lesefreude! Ich werde es weiterempfehlen. Ihr Stefan von Senger und Etterlin."

   "Mit diesem Buch haben Sie dem Alsenviertel Leben eingehaucht und den dort agierenden Personen ein Gesicht gegeben. Karen Wilms"

Helmut Zschocke, Alt-Berliner Bauten auf Wanderschaft, BoD Norderstedt 2014, 204 Seiten, 171 Bilder. ISBN 978-3-7357-2834-0 

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Man sieht es einem Gebäude nicht an, ob es schon immer dort gestanden hat, wo es heute steht! In diesem Buch geht es um die Wanderung, d.h. die Umsetzung Berliner Bauten von Ort zu Ort.
   Das letzte Wort kommt dabei oft von ganz oben, von den Kaisern Wilhelm I. und Wilhelm II., von Adolf Hitler bzw. Walter Ulbricht. Soll bei der jeweils anstehenden Umgestaltungswelle Berlins die im Wege stehende wertvolle historische Bausubstanz durchweg vernichtet werden oder kann man einzelne Bauten bzw. Teile davon durch Umsetzung an einen anderen Ort erhalten? Letzteres bleibt die Ausnahme. Nur gelegentlich werden historische Berliner Bauten mehr oder weniger sorgfältig abgetragen und andernorts neu errichtet – sei es, um das Image der Herrschenden zu stärken und Gebäudeschützer zu beschwichtigen, sei es aus dem echten Bedürfnis heraus, das städtische Geschichtsbild wenigstens punktuell zu bewahren.  Das Buch behandelt an siebzehn Fällen die Details derartiger Gebäude -„Wanderungen“ und die damit verbundenen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

   Die Umsetzung aus Berlin heraus oder umgekehrt von einem Standort außerhalb der Stadt nach Berlin gehört natürlich ebenfalls zum Kreis dieser "Wanderfälle". Letzterer trifft auf die Säule der Tuilerien zu, die ein Berliner Fabrikant von Paris auf seine Havelinsel Schwanenwerder verpflanzte. Weitaus kürzer war die Reise der Gerichtslaube - eines Geschenks des Berliner Magistrats für Kaiser Wilhelm I. - von der heutigen Rathausstraße in Berlin in den Park zu Babelsberg bei Potsdam (s. Buchcover). Eine ähnliche Entfernung zum Südwestkirchhof Stahnsdorf legten unter dem NS-Regime erzwungenermaßen Mausoleen eines Friedhofes in Berlin-Schöneberg zurück. Die kürzeste Wegstrecke von zwölf Metern hatte das Palais Ephraim. Allerdings benötigte es hierzu neunundvierzig Jahre, und die Bauteile wechselten in dieser Zeit im damaligen Berlin (West) viermal ihren Lagerort. Andere Umsetzungen betreffen das Ermelerhaus, den "Nussbaum" und das Gouverneurshaus (alles zu DDR-Zeiten innerhalb des Stadtbezirks Mitte). Sehr viel früher wanderte der "Wusterhausische Bär" auf kurzem Wege hinter das Märkische Museum in den Köllnischen Park. Umsetzungen finden wir auch bei einigen Windmühlen vor und - nicht zuletzt - beim Berliner Galgen, der auf der Flucht vor der wachsenden Stadtsiedlung insgesamt fünfmal seinen Standort wechselte. Der bei Berlinern wie Touristen wohl bekannteste Fall ist die Siegessäule, die ursprünglich vor dem Reichstagsgebäude stand und unter den NS-Machthabern auf den Großen Stern im Tiergarten versetzt wurde. Die historisch jüngste Umsetzung betrifft den Kaisersaal am Potsdamer Platz in den neunziger Jahren. - Insgesamt ein Buch mit vielfältigem Inhalt und hohem Mehrwert.

Helmut Zschocke, Im alten Berliner Studentenviertel, Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2012, 193 Seiten, 101 Bilder,        ISBN 978-3-631-60606-3

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Neben reinen Universitätsstädten wie Heidelberg oder Bonn hatte auch die Weltstadt Berlin bis zum Zweiten Weltkrieg rings um das Oranienburger Tor ihr Studentenviertel. Bewohner waren Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität, der Königlich Landwirtschaftlichen Hochschule, der Königlich Tierärztlichen Hochschule und später auch der Handelshochschule.

   Selbst unter heutigen Berlin-Kennern ist das in diesem Buch neu entdeckte Viertel  weitgehend unbekannt. Zum Mehrwert des Buches gehört auch die regionale Abgrenzung des Areals. Für zwei Stichjahre – 1860 und 1910 – wurden überdies die Angaben in den Semesterberichten der Hochschulen ausgezählt und die Studenten nach dem Anteil der im Viertel Wohnenden und dort nach Hochschul- und Fakultätszugehörigkeit quantifiziert. Begründet wird auch, warum die Studierenden im 19. Jahrhundert aus der Wohn-Umgebung der Universität über die Spree nach Norden wanderten.

   Großen Raum nimmt die Beantwortung folgender Fragen ein: Unter welchen finanziellen Bedingungen lebte der Studierende dort? Wie waren die Wohnverhältnisse? Gab es eine soziale Betreuung? Wie sah das breitgefächerte kulturelle Angebot, das von Theatern unterschiedlichster Couleur bis zum „Tingel-Tangel“ reichte, im Einzelnen aus? Wie ging es auf den bekanntesten Ballsälen und in den Studentenkneipen des Viertels zu? Welche Rolle spielten Korporationen, Burschenschaften und andere studentische Verbindungen? Welche bekannten Persönlichkeiten haben ihre Karriere an diesem Ort begonnen? Wann und warum verschwand das Berliner «Quartier latin»? Wie haben Prominente - von Theodor Heuss, Heinrich Mann und Erich Kästner bis Georg Hermann - das Viertel erlebt bzw. beschrieben? Gibt es heute noch steinerne oder andere Zeugnisse aus dieser Zeit?

Inhalt: Das staatlich zugeteilte Wohnrevier - Ein selbstgewähltes Studentenviertel - Das Leben an der Universität - Der Student als Gast der Berliner - Die kulturelle und Vergnügungsvielfalt des Berliner Studentenviertels - Das akademische Areal als Zentrum von Korporationen, Burschenschaften und anderen studentischen Verbindungen - Höhepunkt und Niedergang des Berliner «Quartier latin» am Oranienburger Tor - Zwanzig Porträts von (späterhin) prominenten Bewohnern des Viertels.

Helmut Zschocke, Die erste Berliner Ringbahn. Über die Königliche Bahnhofs-Verbindungsbahn zu Berlin. Verlag Bernd Neddermeyer GmbH, Berlin 2009, 64 Seiten, 62 Bilder. ISBN 978-3-941712-03-4

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Die  aus dem städtischen Nahverkehr nicht wegzudenkende Berliner Ringbahn hatte eine Vorläuferin, die Königliche Bahnhofs-Verbindungsbahn.

   Allgemein wird heute davon ausgegangen, dass die im Jahre 1939 in Betrieb genommene Nord-Süd-S-Bahn in der Berliner Eisenbahngeschichte die erste Bahn war, die mehrere Fernbahnhöfe verband. Dies trifft nicht zu. Exakt 88 Jahre vor dem o.g. Zeitpunkt nahm schon einmal eine solche Verbindungsbahn ihre Arbeit auf – ohne nennenswerte Einweihungsfeierlichkeiten. Die technische Grundlage war denkbar primitiv. Die Bahn fuhr auf der Straße und schwenkte erst vor dem Empfangsgebäude auf den Gleiskörper des jeweiligen Bahnhofs ein. Immerhin hielt sich diese – äußerst störanfällige – Konstruktion zwei Jahrzehnte!

   Zuletzt waren in diesen Verbund sieben Endstationen von Fernbahnlinien einbezogen. Die Lage dieser Bahnhöfe erstreckte sich vom Norden über den Westen und den Süden bis zum Osten der Stadt. Damit war eine Art erster Berliner Ringbahn entstanden. Der Mehrwert des Buches besteht darin, dieses heute fast völlig vergessene Kapitel der Geschichte der Berliner Eisenbahn erstmalig zusammenhängend aufgearbeitet zu haben.

Inhalt: Die historisch ersten Bahnhöfe Berlins – Woraus entstand der Zwang, die Bahnhöfe zu verzahnen und welche - z.T. abenteuerlichen – Verbindungspläne gab es? – Die Fahrt mit der Bahn: Beschreibung der Strecke – Unternehmen und Militär als Hauptnutzer – Die Kohlenbahn als noch lange Jahre aktives Relikt der längst stillgelegten Verbindungsbahn.

Helmut Zschocke, Die Berliner Akzisemauer. Die vorletzte Mauer der Stadt, Berlin Story Verlag, Berlin 2007, zweite verbesserte Auflage 2012, 193 Seiten, 205 Bilder.

ISBN 978-3-86368-054-1

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Offenbar gehören in der Berliner Geschichte Stadtmauern oder ähnliche Gebilde regelmäßig zu jenen Hindernissen, die die Stadt überwinden muss, bevor sie in eine historisch neue Rolle hinüberwachsen kann. Das gilt auch für die Akzisemauer, die vorletzte Mauer Berlins. Und auch dieser Wall war einst das meistgehasste Bauwerk der Stadt.

   Sie war Zollmauer, Gefängnismauer für die Soldaten der Garnison und Polizeimauer, an der jeder fremde Einreisende kontrolliert und ausgefragt wurde. Natürlich war die Mauer für die Menschen alles in allem harmloser als diejenige, die im Jahre 1989 verschwand. Man täusche sich indes nicht. In den einhundertvierunddreißig Jahren ihrer Existenz gab es eine lange Periode, in der das Überwinden dieses Walls oder das illegale Passieren der Tore mit Lebensgefahr verbunden war. Und reaktionäre Kreise unter den Herrschenden Preußens bemühten sich bis zuletzt, die Mauer für den Fall gewaltsamer politischer Auseinandersetzungen als Sperrwall vorzuhalten.

   Diese alte Ringmauer ist seit langem - bis auf Kleinode - verschwunden. Das erhöht ihren Denkmalcharakter. Der Mehrwert des Buches besteht darin, die Berliner Akzisemauer der Vergessenheit entrissen zu haben. Das Buch zeigt, welche Rolle dieses Bauwerk im damaligen Berliner Leben spielte. Beschrieben wird auch ein Rundgang entlang der Mauer von einem zum nächsten der insgesamt zwanzig (17 Land- und drei Wasser-)Tore. Es handelt sich um den ersten Versuch, die vorletzte Stadtmauer Berlins topografisch wie in ihrer Funktionsvielfalt zu erfassen.

   Nicht der Vergessenheit zu entreißen braucht man das einzige noch im Originalzustand vorhandene Tor dieser Mauer. Kein Berliner Bauwerk hat eine solche Karriere gemacht wie das Brandenburger Tor – zuerst einfacher Ein- und Auslass, dann repräsentatives Empfangsgebäude, danach Wahrzeichen der Stadt und schließlich Symbol der Einheit der ganzen Nation.


Dr. Helmut Zschocke, Jahrgang 1939. Nach dem Studium in den Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin arbeitete ich an einem ökonomischen Forschungsinstitut in Berlin (Ost). Ab 1991 war ich im Wirtschaftsministerium des Landes Brandenburg, Potsdam tätig.

Ab 2007 erschienen die o.g. Bücher. Schon seit jungen Jahren begeisterter Berlin-Flaneur, schreibe ich einiges von dem auf, wozu mich die Stadt anregt und was sie mir erzählt.